Coachingbericht zum Thema
-Berufliche Veränderung-
ob er eine Führungsposition annehmen soll oder nicht.

Wer ist hier der Boss?
Der Coachingverlauf: Als ich ihn fragte, was seine anfängliche Freude eingetrübt hätte, musste er länger nachdenken, um dann unumwunden zuzugeben, dass er Angst vor der Verantwortung hätte, die mit der Position einhergeht. Auf meine Frage, ob er diese Angst in seinem Körper lokalisieren könnte antwortete er, dass ihm gefühlt der Kopf schwirren würde und er keinen klaren Gedanken mehr fassen könnte. Ich bat ihn erst einmal, sich selbst in dieser Position vorzustellen, wie er also in seinem neuen Büro sitzt oder z. B. ein Meeting mit seinen Mitarbeitern leitet. Als er das tat lächelte er und ich spiegelte ihm meine Beobachtung. Es wäre kein Problem für ihn, sich das bildlich vorzustellen, vielmehr wüsste er nicht genau, welche Aufgaben konkret auf ihn zukämen und, ob er überhaupt das Zeug als Führungskraft eines großen Teams hätte. Ich wunderte mich über diese Aussage, denn seine Ausbildung und sein Studium prädestinierten ihn geradezu für diese Position, was er bejahte und trotzdem hätte er diese diffusen Zweifel. Mich interessierte nun, was ihn nach der Schule dazu bewogen hatte, diesen Ausbildungsweg einzuschlagen. Es wären Gespräche mit seinen Eltern gewesen, in denen sie über ihre Berufe berichtet hätten (sein Vater ist Ingenieur) und da er sich nicht für Technik interessieren würde, hätte er sich für eine ähnliche Ausbildung, wie die seiner Mutter, entschieden. Zumal seine Eltern ihm vorgerechnet hätten, wie krisensicher diese Ausbildung sei und wie viel Geld man damit verdienen könnte. Als ich ihn fragte, ob er denn nie eigene Ideen, Wünsche oder Vorstellungen bezüglich seiner Berufswahl gehabt hätte, wurde er sehr nachdenklich, um dann zu antworten: „Bis jetzt nicht“.
Beispielhafte Coaching- Intervention: Ich entschied mich, die IKIGAI Methode anzuwenden. Der Name der Methode kommt aus Japan und bedeutet übersetzt in etwa „ Das, wofür es sich lohnt zu leben“, oder „Etwas, wofür es sich lohnt, am Morgen aufzustehen“.
Im Coachingbereich wird diese Methode angewandt, wenn es um Fragen der Selbstverwirklichung und den Sinn des Lebens geht. Dabei werden 4 Grundfragen gestellt:
1. „Was liebe ich?“ 2. „Was kann ich gut?“ 3. „Wofür werde ich bezahlt?“ 4. „Was braucht die Welt von mir?“ Um die Übung zu visualisieren werden vier, sich überschneidende Kreise, auf ein großes Blatt gezeichnet. In jedem Kreis steht am unteren Ende die jeweilige Frage. Die Schnittmenge von zwei übereinander liegenden Kreisen zeigt, welches Bedürfnis damit erfüllt wird. Beispiel> die Schnittmenge der beiden Fragen „Was liebe ich?“ und „Was kann ich gut?“ zeigt die Passion/Leidenschaft, die jemand für etwas hat (z.B. ein Hobby).
Um sich nun den einzelnen Fragen anzunähern, habe ich Timo vertiefende Fragen zu jedem Bereich gestellt. Zu dem, was er liebt, habe ich ihn z. B. gefragt, was er als Kind in seiner Freizeit gerne gemacht hat? Oder aber, worüber er grundsätzlich sehr gerne spricht? Oder aber, was ihn ganz besonders begeistert?
Bezüglich der Frage, was er gut kann, habe ich ihn nach seinen Talenten gefragt, welche besonderen Fähigkeiten er hat oder, was er meint, dass er es besser kann, als andere Menschen. Die dritte Frage nach dem, wofür er bezahlt wird, beleuchtete seinen Berufsalltag und seine Aufgaben genauer. Die vierte Frage war für ihn die schwierigste, denn darüber, was die Welt von ihm brauchen würde, hatte er zuvor noch nie nachgedacht. Ich fragte ihn also, was ihn mit Sinn erfüllen würde und was seine Werte sind. Und auch, was er denkt, was auffallen würde, wenn er mal für ein paar Wochen nicht da wäre, oder aber, was von ihm in Erinnerung bleiben sollte, wenn er einmal gar nicht mehr da wäre.
Wir haben jeder einzelnen Grundfrage eine Coachingsitzung gewidmet und alle seine Antworten pro Frage auf ein großes Blatt geschrieben. Danach haben wir uns die Gemeinsamkeiten der einzelnen Bereiche angeschaut und diese farbig markiert.
Dadurch entstand ein großes Bild, welches seine Leidenschaft, seine Mission, seine Profession und seine Berufung zeigte. Aber auch, in welchen Bereichen er sich unsicher oder inkompetent fühlte.
Anmerkung: Die Methode hört sich komplizierter an, als sie ist. Vielmehr ist sie äußerst effektiv, wenn es um die Themen Selbstverwirklichung, Zielsetzung, Wünsche und Sehnsüchte und Zufriedenheit geht. Die gestellten Fragen, auch die tiefergehenden, hören sich erst einmal sehr einfach an, aber ich erlebe immer wieder, dass sich viele meiner Klienten diese Fragen noch nie gestellt haben (auch nicht in anderen Zusammenhängen). Die Methoden kann man auch alleine machen und manchmal reicht es auch schon, sich nur einige gezielte Fragen zu stellen.
Fazit: Timo hatte äußerst engagiert mitgemacht und sich auch zwischen den Sitzungen viele Notizen gemacht. Er hatte sich in dieser Zeit genau beobachtet, sich seine Ängste genauer angeschaut und ist sich gleichzeitig seiner Interessen, Talente und Stärken bewusst geworden. Nach 6 Sitzungen war der „Drops für ihn gelutscht“ (O-Ton Timo) und er konnte aus voller Überzeugung das Jobangebot annehmen. Bezüglich seiner anfänglichen Angst vor der großen Verantwortung, die mit der neuen Position einhergeht, konnte er sich gewisse fachliche, aber auch persönliche Unsicherheiten eingestehen und nahm sich vor, diese durch diverse Weiterbildungen zu beheben und sich zusätzlich Unterstützung von seinem Vorgesetzten zu holen. Interessanterweise kam Timo zur letzten Coachingsitzung nicht im Anzug, sondern in legerer Freizeitkleidung.